Anton Weberns Orchesterstücke: Instrumentation und Fassungsproblematik

Grafik 'Anton Weberns Orchesterstücke'

Die Orchesterstücke Anton Weberns, komponiert zwischen 1909 und 1913, entstanden in einer Zeit, als Arnold Schönberg unter dem Namen «Klangfarbenmelodie» ein klangliches Konzept in den musiktheoretischen Diskurs seines Schülerkreises einführte, das radikal mit grundlegenden Kategorien der abendländischen Musikgeschichte brach und ein völlig neues Verständnis von Instrumentation begründete. Wie weitgehend Webern in dieser Zeit die vermeintlichen Zukunftsvisionen seines Lehrers bereits kompositorisch realisiert hatte, wurde von der Rezeption, die erst in den 20er Jahren in grösserem Umfang einsetzte, allerdings kaum mehr zur Kenntnis genommen.

Zuzuschreiben ist diese Verschiebung nicht nur der veränderten musikhistorischen Situation der 1920er Jahre, sondern nicht zuletzt auch Weberns eigener Tätigkeit als Herausgeber seiner Werke, in deren Verlauf er viele seiner früheren Kompositionen nochmals gründlich überarbeitete: Im Fall der Orchesterstücke betrafen die Revisionen zum grössten Teil die Instrumentation, wobei nicht selten gerade jene klanglichen Momente zurücktraten, die nach Massgabe der «Klangästhetik» der Zeit um 1910 besonders avanciert erscheinen.

Ein weiterer bestimmender Faktor der frühen Rezeption von Weberns Orchesterstücken ist die Bearbeitungspraxis des «Vereins für musikalische Privataufführungen», deren Ziel – die Konzentration aufs musikalisch Wesentliche durch die Beseitigung aller bloß äusserlichen, nämlich klanglichen Zutaten – von einer Idee wie der der «Klangfarbenmelodie» kaum weiter entfernt sein könnte. Sowohl seine Sechs Stücke für Orchester op. 6 als auch seine Fünf Stücke für Orchester op. 10 hat Webern in Schönbergs «Verein» mehrfach in Bearbeitungen für Kammerensemble aufgeführt.

Ziel des Forschungsprojekts, das vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert wird, ist eine quellenkritische Untersuchung der unterschiedlichen Fassungen und Bearbeitungen von Weberns Orchesterstücken in ihrem jeweiligen ästhetischen, kompositionstechnischen und aufführungspraktischen Kontext, auf deren Grundlage Kategorien wie «Original», «Bearbeitung» und «Fassung» neu zu bestimmen und schliesslich Fragen der Autorisierung und des Werkbegriffs im Hinblick auf editionstechnische und aufführungspraktische Probleme zu diskutieren sind. Das Projekt, das von einer engen Zusammenarbeit mit der Anton Webern Gesamtausgabe profitiert, versteht sich somit gleichermassen als philologische Studie zu Weberns Orchesterstücken und als Beitrag zu Grundproblemen der Editionswissenschaft.

Projektleiter:
Prof. Dr. Matthias Schmidt
Dr. Simon Obert

Mitarbeitender:
Manuel Strauß, M.A.