DirigentenBilder. Musikalische Gesten – verkörperte Musik

Plakat 'DirigentenBilder'

Braucht ein gutes Orchester eigentlich überhaupt einen Dirigenten oder eine Dirigentin, um Musik aufzuführen?

Die pragmatische Antwort liegt auf der Hand: Es bedarf – so würde man annehmen – vor allem eines «Kapellmeisters», um die Einsätze und das Tempo zu koordinieren, das Zusammen­spiel zu regeln, gleichsam die Vielzahl der Musikerinnen und Musiker zu einem homo­genen «Klang­körper» zu verschmelzen.

Doch dies ist nur die halbe Wahrheit. Der Dirigent scheint auch aus einem ganz anderen Grund vonnöten, nämlich um die unsicht­baren Töne und Tonfolgen durch seine Gesten sichtbar zu machen, ihnen buchstäblich (s)einen Körper zu leihen: mehr als Darsteller musikalischer Ver­läufe denn als ihr Regisseur. Dirigieren wäre in diesem Fall immer zugleich ein theatraler Akt, ein Tanz am Pult, der eigene ästhetische Qualität besitzt und nicht in blosser Funktionalität aufgeht, gleich­sam nur mit Blick auf das akustische Ergebnis Relevanz besitzt. Und zugleich stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis die Gestik des Dirigen­ten tatsächlich zu jener «Interpretation» steht, die ihr als hörbares Resultat entspringt. Ziel der Vortragsreihe DirigentenBilder: Musikalische Gesten – verkörperte Musik ist es, sich dem To­pos des Dirigenten als «Verkörperungsmedium» von Musik aus verschiedensten Perspektiven zu nähern. Thematisch und organisatorisch angebunden an das vom Schweizerischen National­fonds geförderte und am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Basel beheimatete Forschungspro­jekt Hörbare Gebärden – Der Körper in der Musik», umfasst die Ringvorlesung im Herbst­semester 2013 insgesamt 14 Referate von GeisteswissenschaftlerInnen aus dem In- und Ausland. Sie wird jeden Dienstag um 18.15 Uhr im Vortragssaal des Musikwissen­schaftlichen Seminars statt­finden und richtet sich gleichermassen an Studierende und Forschende wie an die interessierte Öffentlich­keit. Zusätzlich wird ein Podiumsgespräch mit dem renommierten Dirigenten und Musikforscher Peter Gülke sowie Ulrich Mosch, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator der Paul Sacher Stiftung, am Mittwoch, dem 16. Oktober stattfinden, ebenfalls um 18.15 Uhr.

DirigentenBilder sollen im Rahmen der Vortragsreihe aus einer doppelten Perspektive betrachtet werden. Auf der einen Seite stehen die vom Dirigenten selbst hervorge­ru­fenen Bilder: Welche kineti­schen Visualisierungen einer bestimmten Musik erzeugen Dirigenten, wenn sie diese mit­hilfe ihres eigenen Körpers interpretie­ren? Welche Bedeutung besitzt der Dirigentenkörper für die erklin­gende Musik, und in welcher Beziehung steht er zum «Klangkörper» des Orches­ters? Auf der ande­ren Seite sind aber auch diejenigen Bilder – «Images» – rele­vant, die sich von der traditions­reichen Figur des Dirigenten im kulturellen Gedächt­nis gespeichert haben: Welche verschie­denen Funktio­nen und Fähig­keiten wurden ihm zugesprochen, wie haben sich die Bilder über den Dirigenten im Laufe der Zeit gewan­delt (vor allem auch hinsichtlich der zunehmenden Transfor­mation einer frühe­ren Männerdomäne durch Dirigentinnen und somit möglicherweise durch das Phänomen «weiblichen Dirigierens»), und wie wurden beziehungs­weise werden sie medial übermittelt? Ziel der Vortrags­reihe ist es, ein möglichst facettenreiches Pano­rama dieser DirigentenBilder zu entwerfen und so­mit der Bedeutung der Dirigentenfi­gur als einem in Theorie und Praxis nach wie vor prägenden Bestand­teil der Musik- und Interpretationskultur nachzu­gehen. Ziel der Vortragsreihe ist es, an den Schnittstellen von Musik-, Theater- und Medienwissenschaft ein möglichst facettenreiches Panorama dieser DirigentenBilder zu entwerfen und somit der Bedeutung der Dirigentenfigur als einem in Theorie und Praxis nach wie vor prägenden Bestandteil der Musik- und Interpretationskultur nachzugehen.

Ein zentraler Schwerpunkt der Veranstaltung liegt auf Basel selbst, das heisst auf Forschen­den der verschiedenen ortsansässigen Institutionen. Neben den Mitgliedern des Projektes Hörbare Gebärden – Der Körper in der Musik, die sich jeweils mit einem Vortrag beteiligen, und weiteren Mit­arbei­terInnen des Musikwissenschaftlichen Seminars sind mit Nicola Gess auch das Deutsche Seminar, mit Jörg-Andreas Bötticher die Schola Contorum Basiliensis und mit Ulrich Mosch die Paul Sacher Stiftung vertreten.

Die Aktualität der Themen «Körper» und «Verkör­perung» auch für die Geisteswissenschaften zeigt sich seit einigen Jahren in intensiven Forschungen etwa von Seiten der Soziologie, der Kultur­wissen­schaft, der The­ater-, Film- und Medienwissenschaft, der Performance Studies oder der Gender Studies. Aber auch in anderen Disziplinen, nicht zuletzt in der Musikwissenschaft, wer­den Aspekte des Körper­lichen neuerdings stärker berück­sichtigt. So hat sich das am Musikwissenschaftlichen Semi­nar der Universität Basel angesiedelte Pro­jekt Hör­bare Gebärden – Der Körper in der Musik die Erforschung der gesti­schen Ausdrucks­weise von Musik in ihrer systematischen, historischen und aufführungsprak­tischen Dimension über die Epochen­grenzen hinweg zum Ziel gesetzt. Die Vortrags­reihe DirigentenBilder: Musika­lische Gesten – verkörperte Musik ist die erste öffentliche Veranstaltung dieses Projekts und schliesst sich thema­tisch an das laufende Dissertations­vorhaben von Jana Weißen­feld an.

Bei der Thematisierung der körperlichen und gestischen Aspekte von Musik stellt die Figur des Dirigenten einen interessanten Sonderfall dar. Denn beim Dirigenten ist der Fokus zwangsläufig auf seine Körperlichkeit gerichtet: Als Musiker ohne Instrument steht ihm nur sein eigener Körper (eventu­ell ergänzt durch den Taktstock) zur Verfügung, um ein Orchester zu leiten, welches wie­derum als «Instrument» zur Musikerzeugung dient. Neben der Verkörperung seiner selbst als Diri­gent wird ihm dabei die Aufgabe zuteil, auch die ihrem Wesen nach abbildlose, materiell ungreif­bare Musik zu «verkörpern», sie durch Bewegung plastisch werden zu lassen. Insofern stellt die Sichtbarkeit des agierenden – gewissermassen «tanzenden» – Dirigenten als Vermittlungs­instanz (sowohl zwischen der Musik und den OrchestermusikerInnen, besonders aber auch zwischen der Musik und den RezipientInnen) ein wichtiges Element für die Konstituie­rung musikali­scher Expres­sion dar, bis hin zu Helmuth Plessners Diktum von 1923:

«In der unmittelbaren Bewirkung oder der unmittelbaren Erweckung von Gesten,
wel­che Tänzer und Dirigent ausführen, der Hörer nur im Keimzustande erlebt,
liegt das Wesen des musikalischen Eindrucks.»

Flyer (inkl. Programm) [PDF (912 KB)]
Plakat [PDF (2.2 MB)]

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