Helmut Lachenmann – Musik mit Bildern?

Plakat 'Symposium Lachenmann'

Internationales Symposium, 24. April 2010

Im Studienjahr 2009/10 nahm Helmut Lachenmann an der Musikakademie der Stadt Basel eine Gastprofessur wahr. Im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen Universität und Musikakademie fand – neben Kompositionskursen, Konzerten und einem Seminar – am Samstag, dem 24. April 2010 eine internationale Tagung zu Helmut Lachenmann im Musikwissenschaftlichen Institut statt. Unter dem Titel «Helmut Lachenmann: Musik mit Bildern?» diskutierte sie einen bislang wenig beachteten Aspekt des Lachenmannschen Musikdenkens: Seinen Bezug zum aktuellen Diskurs der «Bildkritik» und des sogenannten «iconic turn».

Seit geraumer Zeit ist an der Universität Basel der vom Kunsthistoriker Gottfried Boehm initiierte interdisziplinäre Nationale Forschungsschwerpunkt «eikones – Macht und Bedeutung der Bilder» angesiedelt, an dem seit kurzer Zeit auch das Musikwissenschaftliche Seminar mitarbeitet. Aufbauend auf die theoretische Reflexion über die spezifische Sinnerzeugung und Einflussnahme von Bildern zielte das Thema unserer Tagung auf die Frage, inwieweit Musik, und insbesondere diejenige Helmut Lachenmanns, am Prozess einer «bildkritischen» Bewusstseinsbildung beteiligt ist.

Musik und Bild greifen jeweils auf ganz eigene Modalitäten der Raum-Zeit Beziehung zurück, die nur bedingt vergleichbar sind: So hält Theodor W. Adorno fest, dass zwar «im Bild [...] alles gleichzeitig» ist, dass es jedoch in ihm auch eine «sedimentierte Zeit» gibt, die als tertium comparationis mit der musikalischen Zeit fungieren kann. Unabhängig hiervon lässt sich von Parmenides und Platon bis zu Husserl und Derrida in der Geschichte des Denkens ein Primat des Sehens gegenüber allen anderen Sinnen feststellen. In jüngster Zeit hat sich die Philosophie mit der Frage nach dem Hören intensiv beschäftigt (Nancy, Szendy, Espinet) und hat für eine dezidierte Hinterfragung dieser hierarchischen Anordnung der Sinneswahrnehmung plädiert. Zu diskutieren wäre, inwiefern insbesondere die Musik Lachenmanns dazu beiträgt, eine eigene Gegenposition zu jenem Visualprimat und der konsequenten «Hörvergessenheit» des abendländischen Denkens auszubilden und inwiefern sie dazu beiträgt, das Verhältnis zwischen Hören und Sehen neu zu definieren. Nicht nur in seinen Texten ist die fruchtbare Inbezugsetzung von Hören und Sehen besonders evident, sondern es ist Lachenmanns Musik selbst, die die Frage nach der Ikonizität von Musik in sich selbst austrägt und sie – im Laufe seines Schaffens mit sich durchaus wandelnden Tendenzen – zu einem der zentralen Aspekte seines Komponierens macht.

Die Frage nach der Beziehung von Musik und Bild, das Problem einer Bilderlosigkeit und einer reflektierten Ikonizität von Musik, die Untersuchung von möglichen Verschränkungen zwischen Auditivem und Ikonischem, waren theoretischer Hintergrund und Ausgangspunkt unserer Tagung. Die Themenstellungen, die im Laufe des Symposions behandelt wurden, reichten von der allgemeinen Problematisierung des Verhältnisses von Bild und Klang / Sehen und Hören über philologisch-ästhetische Fragen nach der Rolle der Bildlichkeit bei der Werkgenese in den Skizzen bis zu möglichen Bildlichkeits-Typologien in der Instrumentalmusik und im Musiktheater Das Mädchen mit den Schwefelhölzern sowie den Sprachbildern, der Metaphorik und der Bildersprache in den Texten Lachenmanns.
Das Symposion schloss mit einem Gespräch zwischen Helmut Lachenmann und Gottfried Boehm zu Fragen der Ikonizität von Musik.

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