Vorträge MWS FS 2017

Alle Vorträge finden im Vortragssaal des Musikwissenschaftlichen Seminars statt.

Wenn nicht anders angegeben, beginnen die Vorträge jeweils um 18.15 Uhr.

14. November 2017 – Michael Custodis (Münster)

Stilfragen. Orchesterkompositionen von Simon Stockhausen

 

Bereits in der griechischen Antike gingen die Meinungen, ob Musik primär sozialen Zwecken sich unterzuordnen habe oder künstlerische Unabhängigkeit beanspruchen könnte, weit auseinander. Potenziert durch mediale Distributionsmittel wie den Notendruck, den Rundfunk sowie die Tonträgerindustrie beschleunigte sich die kommerzielle Rubrizierung von Musik in getrennte Segmente, wie sie bis heute in den Schlagworten der U- und E-Musik konserviert wird. Die Kreativität von Musikern nimmt allerdings selten Rücksicht auf die Meinung von Kritikern oder Musikwissenschaftlern, die sich lange an dieser Separierung beteiligten, und es lohnt ein Blick darauf, wie im 20. Jahrhundert in unterschiedlichen Bereichen Künstler kreative Wechselwirkungen mit anderen Stilistiken suchen und kreativ nutzen. Dieses neugierige Erkunden anderer Sphären stieg in den 1970er Jahren deutlich an, als nicht nur Pop-Musiker wie Brian Eno und David Bowie oder Prog Rocker wie Emerson, Lake and Palmer oder Yes sich von elektronischen und klassischen Kompositionen inspirieren ließen. Auch die zur Jahrhundertmitte noch sehr hermetischen seriellen Avantgarde-Doktrinen hatten längst an Dominanz verloren und Tonalität, Melodik und Klangfarben wurden als Alternativen (wieder)entdeckt. Festzustellen ist aber, dass solche musikalischen Querverbindungen zu dieser Zeit überwiegend noch als „Import“ von Elementen aus einem zwar respektierten, aber doch fremden und leicht exotischen Feld in die eigene, sichere Domäne stattfanden.

An dieser Stelle wird der Vortrag ansetzen und untersuchen, welche Konsequenzen Musiker der nachfolgenden Generation daraus zogen, als die strenge hierarchische Diskrepanz zwischen „musikalischer Hochkultur“ und „funktionaler Unterhaltungsmusik“ erodiert war und sie in mehreren „musikalischen Welten“ gleichzeitig aufwachsen konnten. Simon Stockhausens Musik ist hierfür ein besonders eindrucksvolles Beispiel, wie an einigen elektronischen Tracks sowie seiner Orchestermusik gezeigt werden soll.

 

Michael Custodis 1993 bis 1995 Studium der Fächer Soziologie, Musikwissenschaft, Filmwissenschaft und Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. 1995 bis 1996 Studium der Fächer Vergleichende Politikwissenschaft und Politische Soziologie an der Universität Bergen (Norwegen). 1996 bis 2000 Studium der Fächer Soziologie, Musikwissenschaft und Erziehungswissenschaft an der Freien Universität Berlin, Abschluss mit einer Diplomarbeit zur kompositorisch-ästhetischen Auseinandersetzung zwischen Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Theodor W. Adorno. 2000 bis 2003 Promotion im Fach Musikwissenschaft an der Freien Universität Berlin bei Prof. Dr. Albrecht Riethmüller (Dissertation Die soziale Isolation der neuen Musik. Zum Musikleben in Köln nach 1945, Stuttgart 2004). 2008 Habilitation im Fach Musikwissenschaft am Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften der Freien Universität Berlin. 2010 Berufung an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster auf eine Professur für Historische Musikwissenschaft. 2016 Aufnahme in die Agder Vitenskapsakademi Kristiansand (Norwegen).

 

 

21. November 2017 – László Vikárius

Béla Bartóks Der wunderbare Mandarin – gattungsspezifische Überlegungen zu Komposition, Quellen und Fassungen

Béla Bartók komponierte 1918/19 sein drittes und letztes Bühnenwerk, die „Pantomime“ Der wunderbare Mandarin zu einer ganz turbulenten Zeit in Ungarn nach dem ersten Weltkrieg. Zu einer Orchestrierung der in der Form eines vierhändigen Auszugs abgeschlossenen Komposition kam es weder dann noch in den darauffolgenden ersten Nachkriegsjahren. Inzwischen spielte der Komponist das Werk allein oder zusammen mit einem Musikerpartner, wie z. B. dem Dirigenten István Strasser 1920 zweimal in Berlin, gelegentlich in der damaligen Werkfassung vor. Schließlich konnte er die Orchestrierung im Sommer 1924 unternehmen. Fünf Jahre nach dem Abschluss der Komposition revidierte er die Musik auf Grund neuer musikalischen Erlebnisse und Erfahrungen. Die Revision betraf einige Stellen, wie den Schluss, besonders wesentlich. Seitdem die Schlüsselquelle, der vierhändige Klavierauszug in der Basler Paul Sacher Stiftung restauriert worden ist und außer einzelnen durch Überklebung bedeckten Passagen auch zwei zueinander geklebten Seiten zum Vorschein gekommen sind, scheint die bisher aus den Quellen nur lückenhaft bekannte Erstfassung schlussendlich vollständig erkenn- und rekonstruierbar zu sein. Der Vortrag soll die wesentlichsten kompositorischen Quellen und den teilweise symphonischen Überarbeitungsprozess der ursprünglich sehr stark auf eine musikalische Gestik aufgebauten Pantomime-Musik dieses radikalsten modernistischen Werkes beleuchten.

László Vikárius (1962) leitet das Bartók-Archiv (seit 2005) am Institut für Musikwissenschaft, Geisteswissenschaftliches Forschungszentrum der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, und ist Editionsleiter der Béla-Bartók-Gesamtausgabe. Seine Edition von Für Kinder (Frühfassung und revidierte Fassung) erschien 2016 (Bd. 37 der Reihe, hrsg. unter Mitarbeit von Vera Lampert). Er ist auch außerordentlicher Professor der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest und war Vorsitzender der Ungarischen Musikwissenschaftlichen Gesellschaft zwischen 2007 und 2016.

Er studierte von 1984 bis 1989 Musikwissenschaft an der Franz-Liszt-Musikakademie (heute Universität). Er beendete sein Studium 1992 mit einer Diplomarbeit über ein musiktheoretisches Traktat in lateinischer Sprache aus dem 15. Jh., betreut von László Dobszay und Janka Szendrei. 1988 wurde er Mitarbeiter des Bartók-Archivs Budapest unter der Leitung László Somfais. Nach seinem einmonatigen Aufenthalt in Florenz erhielt er verschiedene Stipendien (Zoltán Kodály Stipendium 1990/91, TMB-Nachwuchsstipendium 1992–1995, János Bolyai Forschungsstipendium 2000–2003). Dank eines Schweizer Stipendiums studierte er am Basler Institut für Musikwissenschaft (Schwerpunkt Polyphonie des Mittelalters und der Renaissance), währenddessen er auch in der Paul-Sacher-Stiftung Forschungen betrieb.

Seit 1996 lehrt er an der Franz-Liszt-Musikakademie. Er wurde im Jahre 2000 zum wissenschaftlichen Assistenten, 2004 zum außerordentlichen Professoren ernannt. Er nimmt an internationalen Konferenzen regelmäßig teil und hat in Zeitschriften wie Hungarian Quarterly, International Journal of Musicology, Magyar Zene [Ungarische Musik], Musical Quarterly, Musikgeschichte in Mittel- und Osteuropa, MusikTheorie, Studia Musicologica und Studien zur Wertungsforschung Aufsätze über Bartóks Leben und Werk veröffentlicht.

Seine Doktorarbeit, Modell és inspiráció Bartók zenei gondolkodásában [Modell und Inspiration im musikalischen Denken Bartóks] erschien 1999. Er war Herausgeber der Faksimileausgabe Béla Bartók: Herzog Blaubarts Burg (2006, mit Kommentar), die Somfai Festschrift (mit Vera Lampert, 2005), Bartók and Arab Folk Music (CD-ROM, mit János Kárpáti und István Pávai, 2006), Vera Lampert, Folk Music in Bartók’s Compositions: A Source Catalog (2008) und hat auch Ausstellungskataloge herausgegeben, Bartók and Kodály – anno 1910 (mit Anna Baranyi, 2010), Bartók the Folklorist (2014), Bartók the Pianist (mit Virág Büky, 2017).