9. März 2016 - Tobias Robert Klein (Berlin)

Ritter - Gluck: Töne, Leidenschaften und das "glühende Gesicht"

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts avanciert das Gesicht auch für Musiker zu einem emotionalen Bedeutungsträger, der zusammen mit weiteren sensuellen Anhaltspunkten zur Bestimmung des Inhalt, Charakters und der Identität von Kompositionen und Komponisten herangezogen wird. Ein galvanischer Kurzschluss von E.T.A. Hoffmanns berühmter Erzählung mit Texten des Physikers Johann Wilhelm Ritter eröffnet aus dieser Konstellation heraus den Blick auf eine Idee der »absoluten Musik«, die aus dem körperlichen Erleben und Erleiden der Töne hervorgeht.
Den epochen- und kulturübergreifenden Kontext des Vortrags bildet das jüngst erschienene Buch Musik als Ausdrucksgebärde (München 2015), das Bewegungen der Hände und des Gesichts zur Musik ebenso wie die »Klanggebärden« des Schreiens oder Weinens in kultur- und wissensgeschichtliche Zusammenhänge rückt.

PD Dr. Tobias Robert Klein war nach dem Studium der Musikwissenschaft, Afrikanistik und Informatik in Berlin u.a. bei der Edition der gesammelten Schriften von Carl Dahlhaus, sowie als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Magdeburg und am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung tätig. Z. Zt. ist er Privatdozent für Musikwissenschaft und Leiter eines afrikawissenschaftlichen DFG-Projektes an der Humboldt Universität zu Berlin. Seine Forschungsinteressen und Publikationen gelten zu gleichen Teilen der (west)europäischen und (west)afrikanischen Musik- und Kulturgeschichte. Zuletzt erschien: Musik als Ausdrucksgebärde – Beiträge zur kultur- und wissensgeschichtlichen Erforschung der musikalischen Körperkommunikation, München (Fink) 2015.

26. April 2016 - Jörg Widmann (Freiburg i. Br.)

Klang Körper Mensch – Jörg Widmann im Gespräch mit Florian Henri Besthorn

Der Körper spielt im Œuvre des Komponisten Jörg Widmann eine bedeutende Rolle und zwar in mehrfacher Hinsicht: Einerseits werden die Interpreten seiner Werke vielfach mit den Grenzen der körperlichen Virtuosität konfrontiert, indem diese bewusst mechanisiert und schließlich ad absurdum geführt wird. Andererseits werden in vielen Kompositionen die Charakteristika bestimmter Klangkörper auf fremde Instrumente projiziert und die Instrumental-Corpora hierfür derart neu erkundet, dass die gewöhnliche Tonerzeugung teils zum 'Fremdkörper' in diversen Geräuschwelten degradiert wird. Weiterhin wirkt, durch den bewussten Einbezug von räumlichen Wirkungen, in vielen seiner Werke das akustische Ereignis selbst wie eine haptische 'Klang-Plastik'.

In dem Podiumsgespräch sollen diese Ansätze mit Jörg Widmann an exemplarischen Werken diskutiert werden und ein Ausblick auf sein Musiktheater-Schaffen folgen, da dort die Aspekte der Körperbehandlung gebündelt und zugleich übersteigert dargestellt werden: In Das Gesicht im Spiegel (2002/03) wird auf der Bühne ein geklonter Körper neu erschaffen, in Babylon (2012) hingegen eine Sopranistin aus der Raumzeit dematerialisisert.

Jörg Widmann (*1973) studierte Klarinette an der Münchner Musikhochschule bei Gerd Starke und später bei Charles Neidich an der New Yorker Juilliard School. Kompositionsunterricht erhielt er ab einem Alter von elf Jahren, u.a. bei Wilfried Hiller, Hans Werner Henze, Heiner Goebbels und Wolfgang Rihm. Er war composer und artist in residence bei verschiedenen Festivals und Institutionen wie den Salzburger Festspielen, dem Lucerne Festival, der Kölner Philharmonie, dem Wiener Konzerthaus, beim Cleveland Orchestra und ist derzeit Creative Chair an der Tonhalle Zürich.

Widmann erhielt für seine Kompositionen zahlreiche Preise, u.a. den Belmont-Preis für zeitgenössische Musik der Forberg-Schneider-Stiftung (1998), den Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung (2003), den Elise L. Stoeger Prize der Lincoln Center Chamber Music Society New York (2009) und den Deutschen Musikautorenpreis der GEMA in der Kategorie Sinfonik (2013). Er ist Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin und ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, der Freien Akademie der Künste Hamburg und der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste.

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17. Mai 2016 - Jürgen Heidrich (Münster)

Die deutsche Psalmmotette im Kommunikationsprozess der Reformation

Ältere Forschungen haben die in der Reformationszeit insbesondere in Mitteldeutschland umfassend gepflegte Gattung der deutschsprachigen Psalmmotette gleichsam als "politische" Musik beurteilt: Infolge geschickter Textkompilation sei in diesen Stücken ein regelrechter kommentierender Bezug auf tagesaktuelle politische Entwicklungen greifbar, der das Genre zu einem wichtigen Medium im vielschichtigen Kommunikationsprozess der Reformation mache. Von diesem Forschungsstand ausgehend, soll die folgenreiche These anhand von Beispielen auf den Prüfstand gestellt werden.

Prof. Dr. Jürgen Heidrich studierte zunächst an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in Hannover und anschließend Musikwissenschaft, Mittlere und Neuere Geschichte, sowie Lateinische Philologie des Mittelalters an der Georg-August-Universität Göttingen. 1992 promovierte er über deutsche Chorbücher aus der Hofkapelle Friedrichs des Weisen. Ab 1993 war er als wissenschaftlicher Assistent am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Göttingen tätig, wo er sich 1999 über protestantische Kirchenmusikanschauung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts habilitierte. Seit 2004 ist er Professor für Musikwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er ist ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaft zu Göttingen, seit 1. Oktober 2010 Dekan des Fachbereichs Geschichte/Philosophie in Münster.