Vorträge MWS HS 2012

Alle Vorträge finden im Vortragssaal des Musikwissenschaftlichen Seminars statt.

Wenn nicht anders angegeben, beginnen die Vorträge jeweils um 18.15 Uhr.

Plakat

24. Oktober 2012 - Nina Noeske (Salzburg)

Nina Noeske

Musik und Kitsch. Annäherungen, Grenzziehungen, Balanceakte

Die Klassifizierung einer Musik als ‚Kitsch‘ – der Begriff kam um 1870 in Deutschland auf – beinhaltet immer zugleich auch eine Abwertung. Musikalischer Kitsch ist demnach billig, minderwertig, bedient banale Gefühlsbedürfnisse und hat mit ‚Kunst‘ entsprechend wenig zu tun. Erst im Zuge postmoderner Strömungen kam es zu einer Rehabilitierung des Kitsches, der damit jedoch zugleich, scheinbar paradoxerweise, ent-kitscht wurde.
Nachdem der musikalische Kitsch-Begriff von Theodor W. Adorno, Carl Dahlhaus, Bernd Sponheuer und anderen zu Komponisten wie Gounod, Tschaikowski oder Mahler intensiv beleuchtet werden, nähert sich der Vortrag dem Thema aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts. Was bedeutet es heute, wenn von ‚Kitsch‘ in der Musik gesprochen wird? Handelt es sich um ein reines Rezeptionsphänomen oder lassen sich genuin ‚kitschige‘ Strukturen ausmachen? Wie stehen sich die sogenannte ‚Ernste Musik‘ und ‚Kitsch‘ gegenüber? Hat ‚Kitsch‘ möglicherweise etwas mit der Definition einer ‚deutschen Identität‘ zu tun?

Dr. Nina Noeske, geboren 1975 in Bonn, studierte Musikwissenschaft, Philosophie, Neuere deutsche Literatur und öffentliches Recht an den Universitäten Bonn und Jena sowie Musikpraxis (Schwerpunkt Klavier) an der Franz Liszt Musikhochschule. 2005 promovierte sie mit einer Arbeit über Musikalische Dekonstruktion. Neue Instrumentalmusik in der DDR am Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena der HfM Weimar, wo sie danach als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Nachwuchsforschungsgruppe Neudeutsche Schule tätig war. 2007–2011 wirkte sie am Forschungszentrum Musik und Gender an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover und lancierte ihr Habilitationsprojekt Liszt – Faust – Symphonie. Ästhetische Dispositive um 1857. Neben einer Professurvertretung an diesem Institut nahm sie 2012 eine weitere Vertretung an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg wahr. Ab 1. Oktober 2012 tritt Nina Noeske eine Stelle als Assistenzprofessorin an der Universität Salzburg an. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Musik/Kultur vom 19. bis 21. Jahrhundert, Musikästhetik, Filmmusik, Musik und Gender sowie Musik und Politik.

Bilder des Vortrags

21. November 2012 - Frank Hentschel (Köln)

Frank Hentschel

Von der gefühlten zur gemessenen Zeit.
Die Entstehung der Mensuralnotation und die Erfindung der mechanischen Uhr

Die Konstruktion der mechanischen Uhr (nach 1270), genauer: die Erfindung der Hemmung, durch die eine von den jahreszeitlichen Schwankungen unabhängige Zeitmessung möglich wurde, war eine Leistung ungefähr derselben Epoche, in der auch die musica mensurabilis entstand. Diese approximative Gleichzeitigkeit führte hin und wieder zu der Vermutung, dass sie nicht auf bloße Koinzidenz zurückzuführen sei. In dem Vortrag soll der Plausibilität dieser Hypothese, die nie wirklich fundiert worden ist, ebenso wie den methodischen Problemen, mit denen sich ihre Begründung auseinanderzusetzen hat, erörtert werden.

Prof. Dr. Frank Hentschel, geboren 1968, studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Neuere deutsche Literatur in Köln und London. 1999 promovierte er mit einer Arbeit über Sinnlichkeit und Vernunft in der mittelalterlichen Musiktheorie. 1999–2006 wirkte er am Musikwissenschaftlichen Seminar der Freien Universität Berlin (Lehrstuhl Albrecht Riethmüller), wo er sich 2006 mit einer Arbeit zur Politik der Musikgeschichtsschreibung in Deutschland 1776-1871 habilitierte (Bürgerliche Ideologie und Musik). Zwischenzeitliche Forschungsaufenthalte führten ihn an die Harvard University Cambridge, MA. 2007–2011 nahm er Professuren an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Justus-Liebig-Universität Gießen wahr. Seit Oktober 2011 ist er Professor für Historische Musikwissenschaft an der Universität Köln. Zentrale Forschungsschwerpunkte bilden die Musik und Musiktheorie des Mittelalters, die Sozial- und Ideologiegeschichte, Filmmusik sowie Methodik und Wissenschaftstheorie. Für sein Schaffen hat Frank Hentschel zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

Bilder des Vortrags

5. Dezember 2012 - Annegret Huber (Wien)

Annegret Huber

Weisen musikanalytischer Welterzeugung

Die Anspielung auf Nelson Goodmans Ways of Worldmaking bietet zunächst einen Ausgangspunkt, um einige Kategorien seiner auf die Künste bezogenen Symboltheorie an den Gegebenheiten musikanalytischer Praktiken zu erproben. Ein weiterer Begriff Goodmans – Fiktionalität als „fabrication of facts“ – findet sich auch in dem wegweisenden Artikel Analytical Fictions von Marion A. Guck, in dem sie nachweist, dass auch Musikanalysen spezifische Strukturen ausbilden, die sie als analysierbare Produkte ihrer Autor/inn/en ausweisen. Guck bezieht sich auch auf Kendall Walton, der mit seinem Titel Mimesis as Make-Belief darauf verweist, dass der mit einer Analyse einhergehende mimetische ‚Nachvollzug’ musikalischer Strukturen eine Aufforderung des analysierenden Subjekts an sein Gegenüber impliziert, seinen musikanalytischen Nachvollzug der musikalischen Gegebenheiten mit zu vollziehen. Unter Einbeziehung soziologischer Handlungs- und Praxistheorien sowie medienphilosophischer Arbeiten von Dieter Mersch und Sibylle Krämer soll die Medialität des musikanalytischen Resultats, die Performativität des Musikanalysierens (im Sinne eines wirklichkeitskonstituierenden Akts) sowie die Performanz der Musikanalysierenden in soziokulturellen Kontexten weitergehend untersucht werden.

Prof. Dr. Annegret Huber, geboren 1963, studierte zunächst Schulmusik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, bevor sie ins Fach der Musikpädagogik an die Musikhochschule Lübeck wechselte. An der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien belegte sie das Konzertfach Klavier, beendete ihr Studium dort aber mit einem Magister Artium in Musiktheorie bei Diether de la Motte. Ihre Promotion absolvierte Annegret Huber an der Universität Wien im Fach Musikwissenschaft. Ihre Forschungsschwerpunkte setzt sie bei erkenntnistheoretischen Problemen des Musikanalysierens in historischen und kulturwissenschaftlichen Kontexten, ausserdem arbeitet sie zu Genderstudien, Geschichte der musiktheoretischen Lehre und Interart Studies. In ihren Publikationen versucht sie, diese Schwerpunkthemen zu verbinden, beispielsweise mit dem Aufsatz „Performing Music Analysis. Genderstudien als Prüfstein für eine ›Königsdisziplin‹ von 2011“. Zur Zeit übernimmt Annegret Huber die Professur für Musikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Analyse der Musik an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.